KumNye - Heilyoga
Vereint - in Stille und Bewegung
Betrachtungen zur verkörperten Stille
Wir leben in einer Kultur, die Kontrolle als Heilmittel gegen Chaos lehrt.
Als Methode zur stressbedingter Anspannung, versuchen wir uns in so manchen "Gegenmitteln".
Also atmen wir tiefer. Wir denken positiv. Wir halten durch. Wir bewältigen Stress mit sogeannten Resilienztechniken. Alles in allem, versuchen wir die Kontrolle über unser Leben zu be- kommen und zu er- halten.
Was aber, wenn Stille etwas ganz anderes ist?
Was, wenn sie dann auftaucht, wenn sich der gesamte Organismus endlich sicher fühlt?
Es gibt eine Stille, die nicht ausgeführt oder angewandt werden kann. Es ist eine tiefe Stille, wenn das menschliche System nicht mehr geschützt, erklärt, manipuliert, kontrolliert, gefordert oder seine Lebendigkeit inzenieren muss.
Diese Stille IST lebendig.
Ein Rhythmus, eine Kohärenz, die entsteht, wenn jeder Teil von dir, dein Körper, dein Geist, dein Nervensystem, dein Energiesystem, das Feld, das Bewusstsein, sich gemeinsam zu bewegen beginnen.
Der Körper lernt durch Erfahrung, durch Empfindung. Und wenn sich der Körper sicher fühlt, beginnt er sich zu entspannen.
Wenn der Widerstand nachlässt, löst sich die Spannung. Und wenn sich die Spannung löst, hat die zuvor gebundene Energie die Möglichkeit, sich neu zu ordnen. Das ist nichts, was der Verstand verstehen oder steuern muss. Es geschieht ganz natürlich, wenn der Erfahrung Raum gegeben wird. Raum ist in diesem Zusammenhang nicht etwas, das wir schaffen; es ist die Abwesenheit von Einmischung. Es ist Erlaubnis. Erlaubnis ist das Ende des Widerstands.
Muskeln, die sich einst gegen das Leben stemmten, beginnen sich zu entspannen und die Faszien lockern ihren langjährigen Halt. Sanfte Übungen, die niemal drängen, kontrollieren, fordern, ziehen, erzwingen oder aktivieren, ermöglichen es dem Körper sich auf ganz natürliche Weise zu entspannen.
Dann erfolgen Gespräche mit dem Körper. Jede sanfte Berührung lehrt den Organismus, dass er sich nicht mehr verteidigen muss.
Oft drückt sich diese Bewegung in Tränen aus, obwohl sie viele Formen annehmen kann. Was zählt, ist nicht die Form, sondern die Qualität, mit der sie entsteht. Wenn Energie sich bewegt, ohne von der persönlichen Geschichte beansprucht zu werden – ohne die Erzählung „das passiert mir“ –, hat sie eine stille, unpersönliche Schönheit. Sie fühlt sich nicht dramatisch oder selbstgefällig an. Sie sucht keine Aufmerksamkeit. Sie bewegt sich einfach, atmet und vergeht. Wenn hingegen die Erfahrung sofort von der Identität aufgegriffen wird, verstrickt sie sich in Geschichte und Reaktivität. Dann wird aus einer einfachen Befreiung Drama, Anstrengung oder Verkrampfung.
Das Nervensystem spielt hier eine zentrale Rolle, nicht als ein Problem, das behoben werden muss, sondern als ein Bereich, in dem Widerstand gelernt und aufrechterhalten wurde. Reaktivität entsteht nicht, weil das Leben geschieht, sondern weil bereits Spannung vorhanden ist. Wenn sich diese Spannung auflöst, bleibt das Nervensystem lebendig und reaktionsfähig, aber nicht mehr defensiv. Das Leben geht weiter, aber es wird wahrscheinlich weniger persönlich genommen. Erfahrungen werden direkt wahrgenommen, ohne den Reflex, sich zu schützen, zu erklären oder Widerstand zu leisten.
Diese Erlaubnis erfordert keine Techniken oder kathartischen Praktiken, obwohl solche Methoden manchmal dazu gedient haben, zu zeigen, dass Loslassen möglich und überlebensfähig ist. Letztendlich ist das Bewusstsein selbst grundlegender – sich auf Muster des Festhaltens einzustimmen, zu bemerken, wo Widerstand subtil wirkt, und Erfahrungen genauso zuzulassen, wie sie sind. Gedanken brauchen Raum. Der Atem braucht Raum. Empfindungen, Emotionen und Energie brauchen Raum. Nichts muss kontrolliert, unterdrückt oder gefördert werden.
Wenn der Widerstand nachlässt, fließt das Leben freier durch uns hindurch. Wir werden durchlässig, und in dieser Durchlässigkeit liegt eine überraschende Unantastbarkeit – nicht weil wir uns verteidigen, sondern weil das angespannte Zentrum, das einst verteidigt werden musste, nicht mehr an Ort und Stelle gehalten wird. Was bleibt, ist eine natürliche Sensibilität, eine stille Kraft und eine größere Leuchtkraft des Seins. Energie bewegt sich nicht als Ereignis, sondern als Leben, das sich ungehindert entfaltet.
Angeregt durch Ananda Sani und Amoda Ma


